Papua-Objekte

Totenschiff aus Neuirland, siehe DVD

Vungvung: Große Tanzmaske der Baining aus Neubritannien, siehe DVD.

Anmerkungen zum Totenschff

(Helmuth Steenken)

Im Jahre 1999 suchte ich in Papua Neuguinea auf der Insel Neuirland einen Malangan-Schnitzer, den angeblich letzten auf dieser Schatzinsel Ozeaniens. Es hieß, seine Hütte sei in der Nähe von Libba, zwischen Korallenstrand und ersten Bergen. Seinen Namen kannte ich: Ben Sissia. Wir fragten an der Küste einen Papua nach ihm. Aber der bestaunte auf der Sony in meiner Brusttasche nur sich selber im umgedrehten Display. Ben Sissia kannte er nicht.

Wir gingen am Strand entlang, bis Jim Ridges sagte: Eigentlich kennt ihn hier jeder, nur mag ihn nicht jeder. Mr. Eoe zum Beispiel mag ihn nicht, weil er ihm kein Totenschiff machen will für sein Nationalmuseum in Port Moresby. Wir blieben stehen. Vor uns lag eine alte Schreibmaschine im Wasser.

Jim Ridges sagte: Wenn Ben hier nicht ist, dann ist er in den Bergen. Da war er. Bevor wir seine Hütte fanden, fragte ich: Wieso mag er Mr. Eoe nicht? Wir mochten Marapo Eoe nämlich. Eoe hat kein Geld, sagte Jim Ridges, der hier alles weiß. Jim wurde 1975 einer der drei Ombudsmänner nach der Staatsgründung Papua Neuguineas.

Ben Sissia sah uns lange prüfend an. Mit uns gekommen war der Enkel Heinrich Fellmanns, des ersten Missionars in Neuirland. Ben Sissia ließ etwas aus seiner Hütte holen, ein Buch, das hatte wohl hundert Jahre dort unter dem Äquator gelegen. Es enthielt methodistische Lieder in der Kuanua-Sprache. Den Namen Fellmann konnte man noch lesen unter den Texten. Ben Sissia hielt uns das Buch hin und sah uns an. Dann begann er zu singen. Er kannte die Texte. Die Melodien kannten wir: Alte deutsche Volkslieder. Als wir uns gefasst hatten, sangen wir zusammen. Lange. Dieser Tag war wie ein Geburttag. Ohne diesen Tag gäbe es nicht dieses Totenschiff. Ben Sissia sah uns noch immer an.

Er ist ein Mann, der den Papua auf der einen Schulter und den Christen auf der anderen trägt. Zwei Jahre später, als das Totenschiff fertig war, sagte er: Hier waren einmal Leute von euch, die haben ein Totenschiff mitgenommen von uns. (Das war 1904, es ist heute im Lindenmuseum in Stuttgart.) Dann sagte er zu mir: Jetzt bekommst du ein Totenschiff von uns. Darin sind unsere Leute. Helmuth, sage deinen Leuten: Das sind unsere Leute, die fahren zu unseren Leuten nach drüben. Denn wir sind vor langer Zeit hierher gekommen über das Meer. Zwei von uns sitzen da im Schiff. Die sind tot. Die anderen holen sie. Die kennen den Weg. Siehst du die Helfer, siehst du die? Der große vorne hat sechs Finger. Helmuth, sage deinen Leuten, du hast es nicht gesehen!

Ja, das hat Ben Sissia Spaß gemacht: Ich habe den sechsten Finger nicht gesehen. Er musste es mir sagen. Dies hat ihm gezeigt, dass wir gar nicht so schlau sind, wie wir aussehen. Ich habe ihn dann nach dem Namen des sechsfingrigen Fährmannes gefragt, aber er hat ihn mir nicht genannt. Man spricht ihn nicht aus. Wohl aber hat er mir die Namen all der Helfer genannt, der Vögel und Schlangen, die den Fährmann zu einem mächtigen Mischwesen machen. Dass wir einen solchen Fährmann auch am Beginn unserer Kultur haben, und dass er Charon hieß, glaubte mir Ben Sissia erst, als es der in England geborene Australier Jim Ridges betätigte. Ich habe Ben kürzlich geschrieben, dass auch unsere Kinder den Magischen Finger kennen. Aus dem Fernsehen. Ein kleines Nachbarmädchen hat mir ihren I.T. für diese Ausstellung geschenkt.

Als Ende 2002 das Totenschiff in einem Schiffscontainer nach Deutschland kam, machte sich Jim Ridges auf den Weg von Neuirland nach Oldenburg, um es zu taufen. Seine Rede können Sie im Film sehen und hören. Dass wir Mr. Eoe mögen, will ich noch einmal erwähnen. Er kennt das Totenschiff und hat die Ausfuhr als Regierungsvertreter genehmigt. Solange in seinem Nationalmuseum noch keine Kühlanlage läuft, haben wir diesen Botschafter einer fremden Welt bei uns. Aber vielleicht macht Ben Sissia Mr.Eoe ja doch noch ein Totenschiff.

Kultobjekte aus Neuirland:

In letzter Zeit haben sich in Neuirland eine Reihe von Stammesmitglieder einer Rückführung ihrer älteren Kultobjekte aus den Museen der Welt widersetzt. Diese könnten in ihrer Abwesenheit durch fremde Einflüsse gefährlich geworden sein für sie. Viele Generationen lang habe das Geben und Nehmen mit ihnen gefehlt. Der australische Ethnologe Were von der Queensland Universität hat daraufhin diese Objekte digitalisiert und in 3D- und Panorama-Aufnahmen diesen Stammesmitgliedern zugänglich gemacht. Diesem Projekt hat sich die Sammlung Kult angeschlossen und wird dort, wo der Internet-Empfang unzureichend ist, dem New Ireland Autonomy Commitee unter Sir Noel Levi die entsprechenden Aufnahmen zuschicken.

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